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Wissenswerte Hintergründe zur Situation der ArmutsmigrantInnen

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ArmutsmigrantInnen, oft Roma/nias kommen in den Westen – um zu überleben.

In ihrer Heimat hatten und haben sie kaum eine Chance eine Schule zu besuchen: viele können weder lesen noch schreiben. Einige besuchten Schulen, Schulen mit Romakindern, die hungerten, die oft ungewaschen waren, Schulen ohne pädagogisches Konzept.

Als Kinder wurden sie schon zu Arbeiten herangezogen, oft zu schweren Arbeiten im Wald und einige wurden zum Betteln geschickt – sie sollten mit Nahrungsmitteln heimkommen. In Rumänien ist das Phänomen der Straßenkinder nicht unbekannt. Kaum jemand hatte eine ordentliche, richtige Anstellung. Falls sie eine Arbeit fanden, war dies Taglöhnerarbeit – wurde manchmal ausbezahlt, wenn dem Arbeitgeber die Leistung zu gering schien, eben mit weniger Geld oder gar nicht entlohnt. Einige Ältere arbeiteten in der kommunistischen Zeit zu Billigstlöhnen in den Fabriken. Falls es Familien ein bisschen besser ging, kauften sie ein Pferd und einen Planenwagen, ein altes gebrauchtes Auto und fuhren durchs Land: als Alteisensammler, oder sie verkauften Holzwaren, einige handelten mit Pferden. Die Lebenssituationen waren und sind immer prekär.

Einige Verarmte hörten von Bekannten und Verwandten, dass es im Westen besser sei. Viele kamen in den Westen, um daselbst zu betteln. Einige liehen sich ein Auto älteren Datums aus (weder Miet- noch Kaufkosten waren gedeckt). Andere wieder setzten sich in den Zug und fuhren streckenweise in den Westen – die Reise dauerte lang, weil sie immer wieder des Zuges verwiesen wurden und werden.

Sie boten anfangs Gelegenheitsarbeit an – sie boten sich als Taglöhner an, andere als ErntehelferInnen. Musikbegabte probierten es mit Musik, scheiterten bald, weil sie ohne Genehmigung spielten und auch oft Strafe zahlen mussten, oft auch nicht konnten. Kaum jemand wagte es, sich um eine ordentliche, richtige Arbeit zu bewerben. Versuche scheiterten. Die Gründe waren und sind u.a. Analphabetismus, fehlende Deutschkenntnisse, fehlende Unterkunft u.a. Eine weitere Besonderheit: Roma/njas müssen/wollen oft heimfahren: weil die Kinder, Großeltern die Erwachsenen brauchen, weil die Familie ruft, wenn jemand krank ist, wenn jemand stirbt, sicher auch dann, wenn ein Kind auf die Welt kommt, wenn es Geburtstage und Hochzeiten zu feiern gibt… Manche wollen auch deshalb heim, weil es ein bisschen Sozialgeld gibt (monatl. ca. €100). All das wird zum Usus, zur gebräuchlichen Gewohnheit. Die ordentliche, richtige Arbeit wird zu einem unerreichbaren Ziel. Andere Überlebensmöglichkeiten (Betteln, Gelegenheitsarbeit…) werden idealisiert, sogar ideologisiert. „Für Roma gibt es keine richtige Arbeit“.Leider!

Das Hausieren und Betteln, auch das fordernde Betteln bringt den Leuten oft wenig, einigen wenigen bringt es mehr: die Kreativität der „Gschichtln“ kennt keine Grenzen. In den meisten Fällen gehört dann das Geld dem Clan – es dient dem Überleben, dem Einkauf von Essen und manchmal auch von Alkohol. Langes Betteldasein führt bei einigen auch in die Kriminalität: Taschendiebstähle, Kaufhausdiebstähle, Handydiebstähle u.a.m. Es gibt durchwegs auch schwerere Kriminalität – die dann mit Strafhaft und Landesverweis enden. Auch wenn diese nicht die Zielgruppe der VG sind, auch diese sind Menschen und brauchen Sozialbegleitung. Einige rumänische Frauen sind auch Opfer des Frauenhandels, Frauen werden der Prostitution (dem Billigstrich) zugeführt.

Die Zielgruppe der VG Waldhüttl (später auch Poltenhof) spezialisierte sich auf nichtkriminelle, nicht alkoholkranke, eher auf „brave“ ArmutsmigrantInnen, auf Einzelpersonen (ungarisch sprechende slowakische Roma), auch auf Clans (slowakische und vor allem rumänische). Um diesen Leuten eine bessere Überlebenschance zu bieten wurde das Straßenzeitungsprojekt 20er erfunden und organisiert. Die Leute leben vom Verkauf und von „Zuwendungen“. Das aggressive Betteln ist absolut untersagt – wird mit dem Berechtigungsentzug sanktioniert. Bei sympathischem, gewinnendem Verkäuferverhalten können allerdings namhafte Zuwendungen erfolgen. Dieses Modell ermöglicht den Roma fast jeden Monat heimzufahren, Geld heimzubringen (Slowaken monatlich, Rumänen zu den großen Festen). Das Stehen, ständige Lächeln, das Frieren, die Monotonie u.a.m. haben allerdings auch psychische Folgen. Einige verlernen die Fähigkeit als „Hilfsarbeiter“ im ortsüblichen Rhythmus Auftragsarbeiten pünktlich, verlässlich und schnell (auch ohne Zigarettenpause) durchzuführen. Verkäufer trauen sich das nicht mehr zu, befürchten, dem nicht mehr gewachsen zu sein, haben aufgegeben. Zudem hindern sie die Heimfahrwünsche am regulären Arbeitsmarkt einzusteigen. Zugestandene 5 Wochen Urlaub entsprechen nicht deren Bedürfnissen.

Die og. Hintergrundinformationen sind meines Erachtens wichtig, um eventuelle lösungsorientierte Ausstiegsszenarien überhaupt andenken zu können.

Jüngere Armutsmigranten halten wir sofort an, Deutsch zu lernen, schreiben und lesen zu lernen, sich beim AMS zu melden und zu arbeiten.

Es stimmt nicht, dass man heute sofort Arbeit bekommt, wenn man nur will. Absolut falsch.

Manche bemühen sich Monate und Monate und werden immer wieder abgewiesen. Ein weiterer Nachteil: fast alle jungen Armutsmigranten habe schon sehr früh Frau und Kinder, holen dann sogar noch Eltern u.a.m. nach. Das behindert sie zusätzlich in der Suche nach Unterkunft. Ein Romaclan hat keine Chance auf eine Wohnung. Ihre Quartiere sind die Autos, Zelte, Plätze unter Brücken und Autobahnen und in den Notschlafstellen, die immer überfüllt sind. In den Herbergen Waldhüttl und Poltenhof gibt es seit Jahren eine Deutschkonversation und wenigstens eine wöchentliche Besprechung mit lebenskundlichem Programm. In wenigen Ausnahmen gelingt die Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Aber das ist ein mühsamer Prozess, für Betroffene und auch für BegleiterInnen. Wenn es gelingt – das sind Wunder!

Ein Arbeitsmarkt sind die Leihfirmen mit megaprekären Arbeitsbedingungen und geringem Verdienst (€1.200, mit Überstunden €1.400) eine Möglichkeit. Daselbst, auch bei Saisonarbeiten gibt es aber sehr schnelle Kündigungen. Ein Überleben, oder gar ein/e Zimmer/Wohnung zu mieten ist bei diesem Verdienst unmöglich. Die Empfehlung: „Aber dann – zurück nach Rumänien“ bedeutet noch größere Verelendung.Vergleiche mit der damaligen Gastarbeitersituation (Türken, Jugoslawen) sind unangebracht – daselbst gab es Armut, aber keine Diskriminierung und Verelendung im Heimatland.

Vergleiche mit dem dztg. Österreicher sind auch kaum zutreffend: alle ÖsterreicherInnen haben Grundschule und noch viel mehr, die meisten kennen keine Diskriminierung, die meisten kommen aus Bauern, Arbeiter oder Angestelltenfamilien,wurden in der Regel auch von den Eltern gefördert und sogar finanziell unterstützt. Es gab und gibt ein Bildungssystem und einen Arbeitsmarkt für Österreicher und im Vergleich eine relativ geringe Arbeitslosigkeit.

Die Integration von ArmutsmigrantInnen (diskriminierte Minderheit, schlechte Bildungsvoraussetzungen, fehlende Unterbringung/Wohnung, Clanwesen, kein Anspruch auf Mindestsicherung, kein e-card…)…) ist eine komplizierte und schwere Herausforderung. Private Vereine, wie VG sind überfordert. Einige Sozialvereine schließen diese Zielgruppe sowieso aus. Lösungen auf EU Ebene stehen aus. Die meist rechtslastige Politik der Nachbarländer verschlimmert die Verelendung, fördert die indirekte Vertreibung. Wenn sogar autochthone Roma (Burgenland) durch ein Attentat und „Heim nach Indien“ bedroht wurden, kann man sich vorstellen, was in einigen Jahren (Koalition Kickl und rechter Flügel ÖVP) ArmutsmigrantInnen drohen könnte.

Umso dringender unsere Arbeit und die Suche, die Diskussion nach Lösungsansätzen und mit den Roma/njs. J.W. 27.11.25